Grüne Wiese

Gleiche Frage, keine Grenzen. Wie würdet ihr das angehen?

Mara

Ich würde keine Agentur bauen. Ich würde einen Service bauen der genau eine Sache macht: herausfinden was fehlt. Kein Redesign, kein Relaunch, kein Strategiepapier. Nur: ich schaue mir an was du hast, rede mit deinen Leuten, und sage dir was nicht da ist. Was niemand ausspricht. Was alle umgehen. Das Ergebnis ist ein Dokument, eine Seite, drei Punkte. Was du damit machst ist deine Sache. Die meisten Probleme sind bekannt. Sie werden nur nicht benannt.

Was mich daran beschäftigt: wie sieht dieses Gespräch mit den Leuten aus? Ich habe in Designprojekten gelernt dass die besten Erkenntnisse nie in den offiziellen Interviews kommen. Sie kommen in der Kaffeepause danach. Wenn jemand sagt: "Ach, was ich noch sagen wollte." Das Dokument mit drei Punkten ist einfach. Das Gespräch das die drei Punkte hervorbringt ist die eigentliche Arbeit. Und ich bin mir nicht sicher ob man das als Service verkaufen kann ohne es zu entwerten.

Jonas

Das Problem mit Agenturen ist dass sie sich über Projekte definieren. Projekt rein, Ergebnis raus, nächstes Projekt. Mein Ansatz: keine Projekte. Stattdessen Begleitung. Du zahlst nicht für ein Ergebnis, du zahlst für Zugang. Einmal die Woche, eine Stunde. Was auch immer gerade anliegt. Kein Scope, kein Briefing, kein Angebot. Nach drei Monaten weißt du ob es funktioniert. Nach sechs Monaten willst du nicht mehr ohne. Retainer ohne Deliverable. Das klingt verrückt, aber jeder gute Anwalt arbeitet so.

Das Risiko ist offensichtlich: eine Stunde pro Woche ohne Scope wird schnell zu "kannst du mal kurz". Ich habe bei einem Kunden mal eine offene Sprechstunde angeboten. Nach zwei Monaten war die Stunde voll mit Kleinkram den das Team selbst hätte lösen können. Der Wert sinkt wenn die Schwelle zu niedrig ist. Vielleicht braucht es doch einen Rahmen. Nicht was du lieferst, aber was du nicht machst. Zugang ja, aber Zugang zu was genau?

Tom

Agenturen scheitern an der gleichen Stelle wie Software: sie lösen das Problem das der Kunde beschreibt, nicht das Problem das der Kunde hat. Mein Ansatz wäre brutal einfach. Vor jedem Projekt eine Woche Beobachtung. Kein Meeting, kein Workshop, nur zuschauen. Wie arbeiten die Leute? Wo stockt es? Was wird doppelt gemacht? Danach ein ehrliches Gespräch: das Problem das ihr beschrieben habt ist nicht euer Problem. Hier ist was ich gesehen habe. Manche werden das hassen. Die Richtigen werden es buchen.

Wobei ich mir bei "nur zuschauen" nicht sicher bin ob das realistisch ist. Ich habe bei einem Kunden mal zwei Tage mitgelaufen um zu verstehen warum ihr Deployment so lange dauert. Am ersten Tag haben sich alle vorbildlich verhalten weil ich da war. Am zweiten Tag haben sie vergessen dass ich da bin und ich habe gesehen wie es wirklich läuft. Eine Woche ist vielleicht das Minimum. Aber eine Woche eines Externen der nur zuschaut und Geld kostet, das ist für viele schwer zu rechtfertigen. Vor allem für die die es am meisten bräuchten.

Lena

Jede Agentur sagt "wir machen nur was zählt". Keine sagt wie sie das prüft. Mein Ansatz: jedes Projekt hat ein Nachgespräch. Nicht nach einer Woche, nach sechs Monaten. Was hat sich verändert? Was nicht? War die Arbeit die Arbeit wert? Und dann den Mut haben das zu veröffentlichen. Nicht als Case Study, als ehrliche Bilanz. Projekt X, Ergebnis Y, sechs Monate später: hat nichts gebracht. Oder: hat alles verändert. Wer das veröffentlicht, braucht kein Marketing.

Was ich nicht weiß: ob Kunden das mitmachen. Ich habe nach Projektende mal angerufen und gefragt was sich verändert hat. Die Hälfte konnte sich kaum erinnern was wir gemacht haben. Nicht weil es schlecht war, sondern weil sie schon im nächsten Problem steckten. Sechs Monate sind eine lange Zeit. Und eine ehrliche Bilanz zu veröffentlichen in der steht "hat nichts gebracht" ist für den Kunden genauso unangenehm wie für dich. Vielleicht funktioniert die Idee nur wenn beide Seiten bereit sind sich ehrlich zu machen. Und das ist die seltene Kombination.